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Foto: Carsten Siems
Foto: Carsten Siems

Die Studie des Teams um Niels Jepsen von der Technischen Universität in Silkeborg (DTU Aqua) untersucht erstmals quantitativ den Einfluss von Kormoranen auf junge Dorsche und Flundern in einem offenen Küstengebiet der westlichen Ostsee. Der DAFV verfolgt die Forschungsarbeit von Jepsen seit vielen Jahren und freut sich, ihn für die Ausgabe 1/2026 der AFZ-Fischwaid für ein Interview gewonnen zu haben. Das komplette Interview findet ihr hier ab Seite 40. Darin erläutert Jepsen ausführlich das EU-Projekt ProtectFish, seine 30-jährige Forschungsarbeit zum Thema Kormoranprädation und warum eine Populationskontrolle auf europäischer Ebene notwendig ist, um bedrohte Fischarten zu schützen.

Zwei Fragen und Antworten aus dem Interview in der AFZ-Fischwaid:

DAFV: Was waren für Sie die ersten Anzeichen dafür, dass der Rückgang der Fischbestände mit der wachsenden Kormoranpopulation zusammenhängen könnte? Können Sie noch genau sagen, wann das war?

Jepsen: Das Thema stand bereits in den 90er Jahren ganz oben auf der politischen Agenda. Seitdem gibt es diesen schwelenden Konflikt zwischen „Vogelliebhabern“ auf der einen Seite und Berufsfischern, Fischwirten und Anglern auf der anderen. Das Problem für uns ist, dass zu wenige den Zusammenhang zwischen stetig rückgängigen Fisch beständen und dem Anwachsen der Kormoranpopulation wissenschaftlich untersucht haben. In den Jahren 2000 bis 2002 begannen wir in Dänemark mit der Funkmarkierung von Meerforellen- und Lachs-Smolts. Sehr schnell stießen wir auf massive Raubtieraktivität. (…) Von den ca. 800 Dämmen im Land konnten wir die meisten entfernen. Sofort waren Ergebnisse zu sehen, da die Fische zurückkehrten. 2010 wurden wieder Fische in allen Abschnitten der dänischen Flüsse nachgewiesen. Und dann kamen über Nacht die Kormorane. Vor 2010 gab es sie dort noch nicht. Während eines strengen Winters begannen sie damit, heimische Flüsse zu besiedeln und kehren seitdem regelmäßig an die meisten Flüsse und Bäche des Landes zurück. Fast sofort begann der Fischbestand rapide zu sinken.

DAFV: Vogelschützer behaupten oft, dass der Rückgang der Fischbestände andere Ursachen hat – wie reagieren Sie darauf?

Jepsen: Wir wissen aus der Untersuchung dänischer Flüsse, dass dies hier nicht der Fall ist. Aus Sicht der Ornithologen ist vor allem die Verschlechterung der Flussbedingungen für den Rückgang der Fischbestände verantwortlich. Wenn Flüsse frei fließen könnten und viele natürliche Strukturen aufweisen würden, so ihre Argumentation, gäbe es kein Problem durch die Kormoranbejagung. Wir wissen, dass dies nicht der Fall ist, und sind dabei, das mit Untersuchungsaufbauten in der Tschechischen Republik und Dänemark weiter zu dokumentieren. Auch wenn noch viel zu tun bleibt, um die Flüsse wieder auf das vorindustrielle Niveau zu bringen, ist die Wasserqualität besser als seit Jahrhunderten. Die Lebensräume verbessern sich, weil die Gemeinden/Länder/Bundesregierungen und die EU Milliarden Euro für den Schutz der Lebensräume, die Umgestaltung der Flüsse und die Beseitigung von Hindernissen ausgegeben haben. Mittlerweile sind sogar Bachforellen eine stark gefährdete Art in vielen Gewässern, unabhängig davon, wie viele Verstecke sie in kleinen Flüssen haben. Denn Kormorane sind auch in kleinen Bächen keine Seltenheit mehr und dringen sogar in Wälder vor. Wir haben schätzungsweise eine Millionen Kormorane in Europa, und eine Arbeit, die ich gelesen habe, deutet darauf hin, dass es historisch betrachtet, nie mehr als 50.000 waren. An der Küste könnte diese hohe Anzahl noch geduldet werden. Aber unsere Flusssysteme können Prädation in dem Ausmaß nicht verkraften. Lebensraumfaktoren sind äußerst wichtig, wenn es um die Anzahl der Fischbestände geht. Aber der entscheidende Faktor der schleichenden Verschlechterung heutzutage ist die Prädation.

In folgendem Video von dem EU-Project ProtectFish wird der Zusammenhang zwischen Kormoranprädation und Fischartenschutz anschalich erläutert:

Die komplette, aktuelle Studie Cormorant predation on PIT-tagged cod and flounder in an open coastal system könnt ihr hier nachlesen.

Methode

In den Jahren 2022 und 2024 insgesamt 2.783 Dorsche (Gadus morhua) und 2.644 Flundern (Platichthys flesus) mit PIT-Transpondern markiert und anschließend wieder freigelassen. Anschließend wurden Kormorankolonien systematisch nach ausgeschiedenen Transpondern abgesucht.

Ergänzend führten die Autoren Fütterungsversuche durch, um die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der ein verschlungener Transponder tatsächlich wiedergefunden wird. Dadurch konnten die gemessenen Wiederfundraten auf die tatsächliche Prädation hochgerechnet werden.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass Kormorane einen erheblichen Anteil der markierten Fische erbeuteten. Insgesamt wurden zunächst 22,7 % aller Transponder direkt in den Kolonien gefunden. Nach Korrektur um die Wiederfindungswahrscheinlichkeit ergaben sich deutlich höhere Schätzungen der tatsächlichen Prädation.

Die Autoren fanden zudem heraus, dass die Beutewahl größenabhängig ist: Während beim Dorsch alle untersuchten Größenklassen ähnlich stark betroffen waren, bevorzugten Kormorane bei der Flunder vor allem mittelgroße Individuen; größere Flundern ab etwa 22–24 cm entgingen der Prädation weitgehend.

Die Studie hebt hervor, dass die gemessenen Prädationsraten nur für den Bereich innerhalb der Reichweite einer Brutkolonie und für die Brutzeit gelten. Eine direkte Übertragung auf die gesamte Ostsee oder das gesamte Jahr ist deshalb nicht möglich.

Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass die untersuchte Kolonie hinsichtlich ihrer Größe typisch für viele Kolonien der westlichen Ostsee ist und große Küstenbereiche während der Brutzeit im Aktionsradius der Kormorane liegen.

Schlussfolgerungen

Der Einfluss des Kormorans auf Dorsch und Flunder ist nach den Ergebnissen der Studie erheblich. Je nach Größenklasse wurden durchschnittlich zwischen 52 % und 88 % der markierten Jungdorsche und zwischen 14% und 84% der Flundern von Kormoranen gefressen. Besonders bemerkenswert ist, dass für keine der untersuchten Dorschgrößen (11–38 cm) ein deutlicher „Größenschutz“ festgestellt werden konnte – selbst größere Jungdorsche wurden noch in hohem Umfang erbeutet. Die Autoren weisen darauf hin, dass bei den derzeit sehr kleinen Beständen erwachsener Dorsche auch der natürliche Kannibalismus unter Dorschen gering ist. Dadurch bleibt der Kormoran als Mortalitätsfaktor besonders bedeutsam. Nach den Ergebnissen der Studie wurden mehr als 70 % der markierten Jungdorsche während des Untersuchungszeitraums von Kormoranen gefressen, sodass weniger als 30 % für andere Todesursachen, Fischerei oder das Erreichen der Geschlechtsreife verbleiben.

Die Autoren folgern daher, dass die hohe Kormoranprädation ein wichtiger Faktor sein kann, der die Erholung des westlichen Dorschbestandes trotz strenger Fischereibeschränkungen erschwert. Gleichzeitig betonen sie ausdrücklich, dass weitere Studien und Populationsmodelle erforderlich sind, um einen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Kormoranprädation und Bestandsentwicklung nachzuweisen.

Jepsen N, Olesen M, Mikkelsen JS, & Strange MV (2026). Cormorant predation on PIT-tagged cod and flounder in an open coastal system. Fisheries Research300, 107819.

Deutscher Angelfischerverband e.V. (DAFV)

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